2026Marienschlucht

Ein besonderer Ort: Die Marienschlucht. Über 30 m tief hat sie sich in das Molassegestein eingeschnitten. Die Gemeinden Allensbach, Bodman-Ludwigshafen sowie die Stadt Konstanz wollten die Schlucht wieder öffnen, nachdem sie nach einem tragischen Unglück im Jahre 2015, verursacht durch einen Erdrutsch, für Besucher gesperrt worden war. Unser Büro und das Architekturbüro Hirthe wurden mit dem erforderlichen Neubau einer Steganlage beauftragt, um den Durchgang durch die Schlucht wieder möglich zu machen. Auch die ökologische Baubegleitung erfolgte durch unser Büro.

Projektidee und Konzept

Die Marienschlucht ist die bekannteste Schlucht am Bodensee und führt zu einem der letzten naturbelassenen Uferabschnitte des Sees. Im Februar 2026 wurde sie nach elfjähriger Sperrung wiedereröffnet. Über den neuen Panoramasteg lässt sich die Schlucht nun wieder sicher erkunden. Der Weg bietet spektakuläre Ausblicke auf die Gletscherfelsformationen des Bodanrücks, die bis zu 200 Meter senkrecht abfallenden Steilufer sowie auf die über 30 Meter tiefe und teils nur einen Meter breite Schlucht. Zudem dient das Areal als Rückzugsraum für seltene, bedrohte Tier- und Pflanzenarten. So brüten beispielsweise der Wanderfalke (Falco peregrinus) und der Kolkrabe (Corvus corax) am nahen „Mondfelsen“.

Nach einem tödlichen Erdrutsch im Jahr 2015 waren die Schlucht sowie zahlreiche Pfade am Nordhang des Bodanrück gesperrt worden. Zuvor verzeichnete das Ausflugsziel jährlich rund 150.000 Besucher. Nach der Wiedereröffnung des Schluchtenwegs wurden andere Pfade gezielt stillgelegt und unzugänglich gemacht. Diese Maßnahme konzentriert die Besucherströme auf den gesicherten Bereich und schafft in den angrenzenden Zonen notwendige Ruheflächen für den Naturschutz.

Besonderheiten der Gestaltung

Aufgrund der gefährlichen Bedingungen und anspruchsvollen geologischen Gegebenheiten wurde ein integratives Konzept entwickelt, das die Interessen von Tourismus, Naherholung und Naturschutz gleichermaßen berücksichtigt. Unser Büro projektierte gemeinsam mit den Experten von Dr. Spang (Geologie und Felsbau) eine behutsame Trassenführung, um die markante Steiluferlandschaft auf sichere und umweltverträgliche Weise wieder zugänglich zu machen.

Bereits im Jahr 2021 wurde ein erster Wegabschnitt entlang des Seeufers zwischen Wallhausen und dem Steg am Schluchtenende für Wanderer freigegeben. Hierfür wurden im Vorfeld gefährliche Felspartien gesichert, umgestürzte Bäume beseitigt und Teile des Weges mit einfachen Methoden instandgesetzt. 

Bereits in unserer ersten Machbarkeitsstudie 2021 wurden mögliche Artenschutzkonflikte bei der schwierigen Bauabwicklung in der Schlucht aufgezeigt. Im Zuge Realisierung konnten wir durch Ruhezeiten während der Brut des Wanderfalken, Absperrungen kritischer Bereiche auf den Zufahrtsstrecken und durch die ökologische Baubegleitung die Auswirkungen minimieren.

Der Steg

Funktionale und ökologische Aspekte

Als letzter Abschnitt wurde der Panoramasteg durch die Schlucht eröffnet. Das Architekturbüro Hirthe und das Ingenieurbüro Relling gaben dem Steg gemeinsam mit  unserer Planung seine heutige Form.

Um die Sicherheit der Besucher dauerhaft zu gewährleisten, wurde der Weg vom Fuß der Schlucht wegverlegt. Er verläuft nun in einer Höhe von mindestens 10 Metern sowie zwei Meter vom Hang entfernt. Dieser Abstand ermöglicht es der Konstruktion, kleinere Erdrutsche und Steinschläge unbeschadet zu überstehen. Aufgrund der dauerhaft feuchten Bedingungen in der Schlucht wurde der Steg als verzinkte Stahlkonstruktion ausgeführt, die durch Druck- und Zuganker im Fels befestigt ist.

Dank des Steges konnte auf großflächige Steinschlagnetze am Hang verzichtet werden, welche die empfindliche und außergewöhnliche Vegetation stark beeinträchtigt hätten. An den feuchten Fugen der Felsbänder wächst eine einzigartige Flora: Moose bilden hier zusammen mit dem kalkhaltigen Wasser wertvollen Kalktuff. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist der Wasserdost (Eupatorium cannabinum), welcher der seltenen Schmetterlingsart „Spanische Flagge“ (Euplagia quadripunctaria) als Hauptnahrungsquelle Nahrungsgrundlage dient.

Während der Umsetzungsphase wurden die Auswirkungen der Bauarbeiten minimiert, indem man Arbeiten während der Brutzeit des Wanderfalken vermied und kritische Zonen entlang der Wanderwege absperrte. Durch den Einsatz eines Seilkransystems wurden Hubschrauberflüge auf ein Minimum reduziert. Erodierte Uferzugänge wurden mittels Krainerwänden – einer ingenieurbiologischen Bauweise – gesichert. Koordiniert und optimiert wurde jeder Planungsschritt durch die ökologische Baubegleitung von 365° freiraum + umwelt.

Besucherlenkungssystem

Sicherheit für Mensch und Natur

Das Besucherlenkungskonzept sieht vor, die Menschen in der Schlucht zu konzentrieren.

Neben der Schlucht wurde auch der Uferweg nach Bodman wieder freigegeben, der direkt unterhalb des 40 Meter hohen Mondfelsens verläuft. Da hier akute Gefahr durch Steinschlag, Erdrutsche und herabstürzende Bäume besteht, entwickelte das Büro Dr. Spang ein umfassendes Überwachungskonzept. Statt landschaftsbildprägender Netze umfasst dieses System jährliche Begutachtungen, Räumungsarbeiten, Bodensensoren am Steilhang und Kluftspione an der Felswand. Bei kritischen Wetterlagen sperrt ein Wegwart die Tore und leitet Wanderer auf eine alternative Route um. Aktuelle Informationen hierzu finden Gäste auf der Website der Marienschlucht.

Das gesamte Nordufer des Bodanrück ist damit wieder für Wanderer zugänglich. Die neue Wegführung bietet spektakuläre Ausblicke in die Schlucht und über den Bodensee, die in dieser Form zuvor nicht möglich waren. Gleichzeitig wurden Wege zurückgebaut und neue Ruhegebiete für die Natur geschaffen. Aufgrund der luftigen Höhe des Steges kann sich auch unter ihm die Natur frei entwickeln.

Der besondere Ort kann wieder gefahrlos erlebt werden. Gleichzeitig wurden die Belange des Naturschutzes gewahrt.


Film

Mehr Informationen zur Marienschlucht: 

Gesamtkonzeption und ökologische Baubegleitung in der Marienschlucht

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